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Deutsch von Silvia Cunningham, Astrid Friedrich, Dagmar Hemmie, Angelika Masternak, und Kerstin Schleppegrell, bei Der Spinnboden Lesbenarchiv, Anklamer Strasse 38, 2 Hof, Berlin, fon 9011-49) 30-448-5848, e spinnboden@spinnboden.de

 

LIPPENSTIFT

Ich schlage ein Ei in die Metallschale und werfe die zerbrochenen braunen Hälften in den Müll. Meine neue Femme-Freundin sitzt in der Küche und leistet mir Gesellschaft. Ich frage: "Spielt ihr beim Sex, du und deine Geliebte?" Ich hatte ihr vom Telefonsex mit dir erzählt. Ich hatte gefragt, was du wolltest, dass ich tue, als ich dich in meiner Hand hatte; und du schüchtern gesagt hattest, fast nicht zu verstehen: "Mach mich zu deiner Butch." Auf ihrem Stuhl hin- und herschaukelnd, sagt meine Freundin, "Binde ihre Knöchel und Hände mit Bändern, dann reize sie. Sie müssen sich so unter Kontrolle halten. Sie möchten sie aufgeben, aber sie wissen nicht wie." Die Art und Weise, in der du dich jeden Tag behauptest, abwechselnd charmant und unerbittlich, die Angriffe, von denen du deinen Zuhörern als politische Lektion erzählst, aber die wirklichen Wunden bleiben verborgen, selbst wenn du in meinen Armen liegst. Für dich gibt es kaum einen Platz wo du existieren kannst, ohne auf der Hut zu sein, außer in meinen Armen. Sie sagt: "Lippenstift, dunkel, und laß' sie jede Stelle zählen, an der du sie küßt. Und dieser schwarze Seidenkimono - du kannst den Gürtel benutzen. Stecke dein Haar auf wie eine Frau, unterbreche mitten im Liebesspiel und bitte sie, etwas für dich zu tun." Ich sage: "Dies sieht von außen wie Macht und Dominanz aus, aber das ist es nicht, was es im Inneren ausmacht." Sie sagt, "Nein, alles sieht von innen anders aus."

Später in meinem Bett halte ich deine Hände über deinen Kopf. Die Muskeln deiner Unterarme sind angespannt als ich mich deiner Kraft entgegenstelle, als wir beide kurz mit einer Frau kämpfen, die gezwungen ist nachzugeben. Verlangen ist ein verhedderter Knoten, die Vergangenheit in uns gezerrt und angespannt durch Berührung. Ich frage dich, was du willst, welches Netz des Verlangens dich halten kann. Ich lasse meine Hände an deinen Armen heruntergleiten und sage: "Dreh' dich um." Ich führe meine Finger über deinen Rücken, die kühle Struktur deiner Haut. In meinen Händen bist du so selten wie eine Muschel aus Perlmutt, die heil und geschlossen aus dem Fluß heraufgeholt wurde. Durch ihre braun-borkige Oberfläche scheint es schillernd hindurch. Ihre übereinandergelagerten Linien sind durch Stürme und Strömungen gewunden und unregelmäßig, jede zerbrechliche Lage bietet etwas Schutz vor den Wellen der aufrüttelnden Jahre. Ich folge den Kurven deines Rückens, als du vor Vergnügen seufzst. Ich lege mich neben dich, überglücklich, zufrieden, als sei an die Wasserkannte eines sandigen Ufers der eine Wunsch meines Lebens von den Wellen an meine Füße gespült worden.

PARFUM

Private Party, lesbische Porno-Videos im Keller und die Butch, die neben mir stand, das Geschehen betrachtend, sagte: "Warum hat jede Frauen in diesen Videos lange Fingernägel?" All die Frauen in dem Video, die Femme/Femme fickten, waren weiß, aber die Party selbst war sehr gründlich gemischt, die Tanzfläche bebte im Schwung der Hüften von afro-amerikanischen, latina und weißen Frauen. Im Obergeschoß gab es eine Geburtstagstorte mit rosa Zuckerrosen drauf und ein Spiel wurde dort gespielt. Eine Gruppe von Femmes bewertete Kandidatinnen auf einer Butch-Skala von 1 - 10. Eine Butch, die ihre Ignoranz gegenüber Rollen behauptete, wurde protestierend in unseren Kreis gezerrt, in ihrem engen weißen Unterhemd und dem klingelnden Schlüsselbund an dem Gürtel ihrer Jeans. Sie erhielt eine 10 und schlenderte verwirrt davon. Eine Femme erklärte mir etwas über Pediküre, wobei sie ihre Hand- und Fußnägel hervorstreckte wie eine Luxus-Katze. Sie und ich schauten hinunter und bemerkten, daß alle Femmes ihre Schuhe abgeworfen hatten und barfuß umherliefen, während die Butches weiterhin ordentlich gekleidet waren in ihren Halbschuhen, Stiefeln und Turnschuhen. Meine Begleitung erhielt eine niedrigere Bewertung als ihr nach eigener Auffassung zustand und verlangte aufgewertet zu werden; sie erhielt eine 10 für 'Butch-Arroganz'. Eine Frau warf ihre Schultern zurück, präsentierte stolz ihr Brüste und tönte, daß sie eine Femme 'mit Butch-Einstellung' sei.

Unten tanzte ich zu 'Real Love' mit einer Freundin in einer durchsichtigen, aufreizenden Bluse, die ihre Brüste hindurchscheinen ließ. Wir bewegten uns locker, Auge in Auge, weder zur Seite blickend noch nach unten, aber wohl wissend mit wem wir tanzten. Sie zeigte mir wie ich wie ich meinen Rock bewegen sollte und wirbelte die Hitze zwischen uns auf. Sie sagte mir, daß sie ein neues Parfum aufgelegt hätte, würzige Zitrone: "So daß ich, wenn ich schwitze unwiderstehlich nach frischgebackenem Früchtekuchen dufte." Sie drängte mich, das Gardenia-Öl zu kaufen, das ich in Betracht gezogen hatte. Unsere Begleitungen ließen diesen Tanz aus, zwei breitschultrige Frauen in Hosen und Halbschuhen Seite an Seite auf einem fürchterlich altmodisch karierten Sofa. Ich begann mit meiner Freundin zu flirten, wortlos, meine Augen ruhten auf ihren seidenbestrumpften Fesseln , auf ihren kraftvollen Hüften, die Platz um uns herum schafften, auf der verschwenderischen Fülle ihrer Dreadlocks und den baumelnden Ohrringen. Ich blickte kurz auf einen kleinen Teil ihrer Weiblichkeit, dann in ihre Augen, ein visueller Kuß der Wertschätzung. Bald begannen wir so heftig zu lachen, daß ich sagte: "Sie werden gleich zu uns herüberkommen um zu sehen, was wir vorhaben." Und in diesem Moment quetschten sich unsere Begleiterinnnen durch die Menge auf uns zu, einen etwas besorgten Ausdruck im Gesicht, als wir call-and-response miteinander tanzten, gerade außerhalb der Reichweite ihrer Hände.

TATTOOS

Als wir den Einkaufswagen Richtung Supermarkt schieben, kommen uns die livierten Angestellten vor der Automatiktür eilfertig entgegen. Die einzige afro-amerikanische Frau schaut auf dich, die Stone Butch, und mich, die Jeans-Femme, dann fragt sie höflich, ohne ein Zögern: "Ladies, braucht ihr eine Fahrgelegenheit nach dem Einkauf?" Als wir bezahlen nennt der weiße Kassierer dich 'Sir.' Als ich mich im Schuhladen des Einkaufszentrums hinsetze, um Sandalen anzuprobieren, stupst mich eine Afroamerikanerin neben mir an, lächelt, zeigt auf dich und sagt: "Laß sie besser auf dein Partmonaise aufpassen, während du beschäftigt bist. Es könnte Beine kriegen".

Als wir um 2.00 Uhr morgens, in formellem Kleid, Anzug und Schlips, aus der Stadt zurückkehren beschließen wir, in einem Freeway-Restaurant zu frühstücken. Unsere Bedienung ist ein von der Straße gezeichneter weißer Typ um die 60. Wir loben seine Tattoos während er unsere Bestellung aufnimmt. Nachdem wir zu Ende gegessen haben, wartet er aufmerksam, bis die zwei Polizisten ihren Kaffee austrinken und gehen. Dann lächelt er liebenswürdig und bietet uns an: "Ladies, bitte kommen Sie doch mal wieder."

In meinem Seminarraum hört eine Puertoricanische Studentin geduldig zu, wie fünf weiße Lesben über die vorige Nacht debattieren, über die zwei Frauen, die sie in der Bar tanzen gesehen haben, eine Afro-amerikanerin und eine Latina. Wie konnte diejenige, die geführt hat eine Butch sein? Zu fließend, zuviel Ausdruck. Die Puertoricanerin unterbricht schließlich und klärt sie auf: Die Frau hatte bei einem überschwenglichen Latino-Hiphop geführt, einem Stil junger Männer der in die Latina-Butch Lebensart Eingang gefunden hat auf. Sie lächelt und sagt: "Ja, natürlich habt ihr gesehen, wie heiß die eine Frau der anderen folgte. Aber ihr wart einfach nicht in der Lage, den Ort zu sehen, an dem sie innerlich tanzten."

TOILETTEN

Zwischen Feldern und Wiesen, auf unserem Weg zum Michigan Frauen-Musik-Festival, halten wir alle bei McDonalds zum Essen, stehen in der Schlange, um Fisch-Sandwiches zu bestellen, gehen nacheinander zur Toilette. Ich bin die letzte, die geht und halte zwischen den zwei Türen inne. Die Schilder scheinen eindeutig zu sein, die üblichen, Rock und Hosenbeine, aber plötzlich bin ich irritiert. Wie soll ich entscheiden, in Anbetracht derjenigen, mit denen ich reise?

Ein Reisegefährte ist ein kleiner Mann mit Bart, tiefer Stimme, flacher Brust, der Hosen und einen graumelierten halblangen Mantel trägt, der weiblich auf die Welt kam, aber nun in jeder Hinsicht als Mann lebt und funktioniert, ein weißer transsexueller Mann. Eine andere ist eine große blasse Frau in Jeans, mit einer weichen Stimme und selbstmissbilligender Art, mit kleinen Brüsten unter ihrer Windjacke, eine Frau die männlich geboren wurde und nun tagtäglich als Frau lebt, eine weiße transsexuelle Lesbe, die uns zu unserem Campingplatz führt, zu den Zelten und der Feuerstelle. Und du, in deinen Jeans und dem schwarzen T-shirt, zwischen männlich und weiblich - du warst dein ganzes Leben lang dazwischen.

Ich möchte wetten, du gehst auf die Männertoilette, da du immer denjenigen Raum wählst, der im Augenblick am sichersten erscheint, denjenigen, aus dem du mit der geringeren Wahrscheinlichkeit hinausgeworfen wirst, wenn jemand meint, daß du nicht dem Bild auf der Tür entsprichst. Ich kann erraten, welche Toilette von jedem/jeder meiner BegleiterInnen gewählt wurde. Aber nach unserem Gespräch auf der langen Fahrt, fühle ich, daß ich durch beide Türen gehen könnte. Der Mann, der mich an meinen charmanten ältesten Cousin erinnerte, hatte von seinem früheren Job erzählt, von der anstrengenden Arbeit beim Verlegen von Telefonkabeln, als er als Butch gelebt hatte. Er hatte von seinem jetzigen Leben als Autor und Herausgeber erzählt, als Organisator für Transgender-Rechte. Die Frau, deren derbe Energie und Ausdrucksweise mich an meine Tante erinnerte, sprach von den angstvollen Augenblicken, die sie beim Betreten von Toiletten hatte. Da war der Vater, der sie merkwürdig musterte, als sie hinter seiner kleinen Tochter hineinging. Sah er plötzlich einen Perversen? Ich sagte, ohne es weiter auszuführen, daß ich etwas von diesem Moment der Angst kenne: die Augenblicke, in denen ich mit verkrampften Händen in einem Flur stand, draußen vor den scheinbar so einfachen Zeichen, in der Hoffnung, daß du nicht blutend aus der Männertoilette herauskommen würdest, nur weil jemand meinte, daß du zu schwul wärest, um ein 'richtiger Mann' zu sein. Die Augenblicke, in denen ich zwischen all den drängelnden Frauen vor dem Spiegel stand, meine Hände wusch und mich selbst wie etwas Groteskes anstarrte, jemanden, den ich nicht als 'richtige Frau' erkennen konnte.

Ich schwanke zwischen den zwei Schildern. Das letzte Restaurant, in dem ich war, hatte gegenüberliegende Türen mit Gipsmasken. Eines, ein leeres, glattes Gesicht mit wallendem Haar war hübsch, wie das eines Fotomodells, anscheinend eine Frau. Das andere war ein Gesicht, das seine Zähne fletschte und grinste, ein Satyr, ein Teufel, anscheinend ein Mann. Die Schilder sagen mir deutlich, was das Problem ist: Nicht wessen Genitalien wo sind, sondern welche Werte wir ihnen zuschreiben. Heute präsentieren die Schilder meine Wahl - Rock oder Hose. Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht ein Transgender-Camp vor den Toren des Frauenlandes. Dort wartet jeder darauf den anderen durch das zu entdecken, was sie von ihrem biologischen und sozialen Geschlecht entscheiden preiszugeben. Aber hier habe ich nur zwei Wahlmöglichkeiten. In meinen Sandalen und abgetragenen Jeans öffne ich die Tür, die mir Rock anzeigt.

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